Tu ichs oder tu ichs nicht?
At A Glance Author needlefreeq Contact andwink@gmx.de When It just happened Artist Chandler Studio Berlin Summer Camp Location Berlin Mein erster und zweiter Flug
Ich bin auf dem Weg nach Hause. Der Flug ist jetzt zwei Tage her. Es ist Montag, kurz nach halb zehn Uhr abends.
Ich hatte ein Gespräch von 3 oder 4 Stunden mit Sven, einem guten Freund, einem "durchgeknallten Typen", der heftig gepiercet in den schrägsten Klamotten durch die Gegend stürzt. Wir haben uns für das nächste Wochenende verabredet, um einige Playpiercing- Sessions zu machen, ihn mal aus der Innenstadt rauszuholen, damit er wieder zu sich selbst finden kann. Ihm habe ich so viel Erkenntnis zu verdanken, auch dass ich nicht allein bin mit den Nadeln, dass ich weder krank noch verrückt bin. Kein Therapeut oder Psychologe war dazu in der Lage, auch wenn ich auf sehr aufgeschlossene Leute getroffen bin. Er war auch derjenige, der mir von Chandler erzählt hat.
Ich habe den ganzen Tag schon Experiences von BME gelesen und verstehe jetzt viel mehr, wovon die Leute schreiben, und was mir so lange entgangen ist. Ich habe mir viele Kernaussagen markiert und werde sie später als Bilder an meine Wände hängen.
Ich fühle mich ausgeglichen, nicht unter Druck, kein schlechter Rausch aus Adrenalin, Hektik und Frust. Keine Endorphine mehr vom Flug. Ich fühle mich "romantisch", in perfektem Frieden.
Mir wird klar, dass ich ein anderer Mensch geworden bin.
Hatte mein Leben bisher aus Versagen bestanden, weiß ich jetzt, dass ich der größten Herausforderung meines Lebens entgegen getreten bin. Viele Ängste und Bedenken auf der einen Seite, bewusstes Hindurchgehen auf der anderen Seite.
Ich bin gerade nach Hause gekommen und sehe die acht Flecken von den Haken auf meinem Bett, wo ich die letzten zwei Nächte mit meinen Schultern gelegen habe, und ich muss an das ganze Wochenende denken, das wirklich unvergesslich war und bleibt.
Aber zurück zum Anfang.
Meinen ersten Kontakt mit Bodmods hatte ich mit etwa 10 Jahren (?). Im Fernsehen lief ein Bericht über Fakire und das Festival in Phuket. Ich war völlig fasziniert, als ich einen Mann mit einem Stab durch beide Wangen sah. Ich dachte "Oh Mann, das musst du auch mal probieren!" Also habe ich angefangen, mit Playpiercings zu experimentieren.
Später bin ich auf BMEzine gestoßen und habe angefangen, mir die Bilder und Berichte anzusehen und weiter zu experimentieren mit Playpiercings und Pulls - nur für mich zu Hause.
Das ging etwa 10 Jahre so, dazwischen viele Jahre Arbeitslosigkeit, Depressionen, Ängste, Drogenmißbrauch, 3 Selbstmordversuche sowie diverse Psychiatrieaufenthalte.
Und dann kam der Tag, an dem ich Sven gefragt habe, ob er nicht wüsste wo man professionelle Pulling- Haken bekommen könnte. Meine selbstgemachten Haken wollte ich nicht mehr verwenden, weil sie schwer zu reinigen waren und mir nicht besonders sicher erschienen. Sven erzählte mir vom "Für Immer", einem Tattoo- und Piercing- Shop, nicht ganz in der Nähe, aber zu Fuß erreichbar.
Auf dem Weg bin ich dann noch ins "Naked Steel" gestolpert, wo ich den Piercer Dirk kennen gelernt habe. Auch dort habe ich nach Haken gefragt und eine bessere Wegbeschreibung zum "Für Immer" bekommen.
Im "Für Immer" bin ich dann das erste Mal Chandler begegnet, der die Haken verkauft und, wie ich gleich darauf erfahren sollte, gerade ein privates Suspension Event "Summer Camp" vorbereitete.
Chandler fragte mich, wofür ich denn die Haken bräuchte, woraufhin ich ihm meine Lage erklärt habe. Er hat mir dann vier Haken und Nadeln und außerdem noch eine Einladung zum "Summer Camp" mitgegeben. Das war am vorletzten Wochenende am Freitag Nachmittag.
Ich bin dann nach Hause gefahren und habe die Haken hingelegt, um sie mir anzusehen. Ich war über die Größe überrascht. Am Samstag habe ich mich dann getraut und eine der Nadeln auf einen Haken gesteckt und ihn an der Unterseite meines rechten Unterarms platziert.
Da ich diese Größe bisher nicht kannte wollte ich einfach mal probieren, wie sich das anfühlt. Also habe ich den Haken angesetzt und ihn mit einer Hand durch die Haut gezogen. Für ein "Einhandpiercing" ging das auch erstaunlich gut. Ich hatte aber ein wenig Probleme, ihn auf der anderen Seite wieder herauszubekommen, was jedoch durch ein wenig mehr Kraftaufwand zu machen war.
Soweit war also alles in Ordnung. Ich wusste jetzt, dass ich mit dem Setzen der Haken kein Problem haben würde. Um mich vorzubereiten konnte ich jetzt nicht mehr machen, als Experiences zu lesen und soviel Wissen, wie möglich zu sammeln (viel Traubenzucker essen, isotonische Getränke, auf welche Art kann ich hochkommen, was passiert mit der Haut...).
Vor lauter Nervosität bin gleich ein Wochenende zu früh zum Ort des Summer Camps gefahren (man sollte eben doch richtig lesen).
Ich hatte also noch eine unendlich lange Woche vor mir, in der mir nichts anderes blieb, als zu lesen, zu lesen, zu lesen.
Und dann war plötzlich Samstag, der Tag an dem es für mich spannend werden sollte.
Ich bin überhaupt nicht mehr klargekommen. Meine Gedanken haben sich überschlagen: "Was kommt da auf mich zu? Worauf habe ich mich da eingelassen?...", aber genau deswegen hatte ich mich ja entschlossen, zu fliegen, um meine ständigen Bedenken und Ängste in den Griff zu bekommen.
Gegen dreizehn Uhr bin ich dann beim Summer Camp angekommen. Ich wurde von Chandler begrüßt und hereingebeten. Er hat eine wunderbare Ruhe ausgestrahlt, obwohl er sehr beschäftigt war. Wir haben uns kurz unterhalten, was meine Vorstellungen sind und was ich am besten machen sollte. Er fragte mich, ob ich hängen wollte, aber ich war mir nicht sicher. Chandler empfahl mir daraufhin, erst mal zuzusehen und ein Gefühl für die Atmosphäre zu bekommen und für das, was sich in der Luft abspielte.
Obwohl ich völlig allein zum Summer Camp gekommen bin war es absolut kein Problem, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, zu erfahren, wie sie ihren ersten Flug erlebt haben und was sie daraus gezogen haben. Im Laufe der Zeit konnte ich mir eine Vorstellung von dem machen, was mich erwartete. Natürlich war diese Vorstellung in völligem Übermaß von Schmerzen geprägt, was mich immer ängstlicher werden ließ.
Ich hatte große Schwierigkeiten, meine Gedanken unter Kontrolle zu halten.
Schließlich war es soweit. Die erste Herausforderung war, mit freiem Oberkörper vor so vielen Leuten zu stehen.
Ich mag meinen Körper nicht. Zu viele Haare, zuviel Fett, die falsche Form (ich habe etwa 20 kg zuviel).
Worüber die Leute aber am meisten erstaunt waren, war, dass mein einziges Mod in einem Standard- Piercing- Ohrring bestand. Einige meinten, ob ich wirklich ein Suspension machen wollte. Als ich ihnen aber erklärt habe, dass ich gerne noch mit Kundenkontakt arbeiten möchte und außerdem wegen meiner Allergien Bedenken mit der Tattoo- Farbe hätte, waren alle Fragen ausgeräumt.
Und dann lag ich auf der Matratze zum Setzen der Haken. Andrea und Roberto haben die Haken gesetzt, was absolut kein Problem war, weil ich sie ja schon kannte. Ich denke, über diesen Vorgang wurde schon genug geschrieben.
Jetzt kam der spannendste Teil. Die Haken wurden am Rig befestigt und immer mehr Zug auf die Haut gegeben, was schon recht schmerzhaft war.
Schlimmer waren aber die tausenden Nervenimpulse, die das Gehirn bis dahin noch nicht erlebt hatte und nicht verarbeiten konnte. Ich hatte meine Füße schon vom Boden, als der Gedanke aufkam, dass alles zuviel ist und ich diese extrem intensiven Gefühle nicht ertragen könnte. Schließlich ist mir schwindlig geworden und ich musste wieder runter, um nicht ohnmächtig zu werden.
Es waren sofort Leute zur Stelle, um mich zu stützen, notfalls aufzufangen, falls ich umfalle. Vielen Dank für Deine Umsicht Dieter!
Ich wurde vom Rig gelöst und bin dann erst mal durch die Gegend gelaufen.
Viele Leute haben mich gefragt, was denn los gewesen sei und mir Mut gemacht, es noch mal zu versuchen.
Ich habe mir dann ein Hemd übergezogen, um nicht auszukühlen. Die Haken habe ich erst mal drin gelassen, wobei mich sehr erstaunt hat, dass ich nur die auf der Haut liegenden Teile überhaupt gespürt habe. Ich bin erst mal zur Tankstelle gegangen, um mir etwas Süßes zu holen, worauf ich übergroßen Appetit hatte. Als ich zurückgekommen bin habe ich mir noch einige Suspensions angesehen und mich dann für meinen zweiten Versuch vorbereitet. Einhängen am Rig u.s.w.
Diesmal habe ich mir sehr viel Zeit gelassen, mich an den Zug auf der Haut zu gewöhnen. Ich hatte wieder einige Probleme, weil immer noch alles sehr intensiv war.
Als ich dann soweit war habe ich mich sofort ganz nach oben ziehen lassen, um mir die Szenerie von dort anzusehen.
Ich war völlig überrascht als plötzlich von überall her Applaus zu hören war (und das diese Leistung von den Anderen so gewürdigt wurde). Erst dort oben habe ich so richtig begriffen, dass ich es geschafft hatte. Es war so ein großartiges Gefühl!
Dann habe ich Andrea gebeten, mich langsam zu drehen, damit ich mich mal umsehen kann. Es war unbeschreiblich! Alle sahen zu mir nach oben und es war eindeutig zu erkennen, dass sich die Leute mit mir gefreut haben. Eine so starke Gemeinschaft habe ich noch nie erlebt.
Leider ist mir vom Drehen dann schlecht geworden (im Karussell geht’s mir genau so), so dass ich wieder runter bin, um nicht alles zu beschmutzen. Aber ich habe seit Jahren mal wieder die Grenzen meiner kleinen Welt aus Drogen, Depressionen, Kleinmut und Medikamenten durchbrochen und das ist, was für mich zählt.
Ich fühle mich von einer riesigen Last befreit.
Dieses Erlebnis war für mich so beeindruckend, dass ich es auf jeden Fall wiederholen möchte. Es hat sich gelohnt, gegen die eigenen Probleme anzukämpfen. Es ist ein großer Sieg dabei herausgekommen, den ich ohne den Versuch nie hätte erreichen können.
Ich möchte mich bei Sven für den Tip mit Chandler bedanken, bei Chandler für das Organisieren des Summer Camp, bei Andrea und Roberto für das perfekte Setzen der Haken, bei Dirk für die Unterstützung beim Flug, auch wenn ich ihn nicht gefragt hatte (Du warst eine große Hilfe!), und bei allen Leuten auf dem Treffen für das gegenseitige Tragen und die Akzeptanz.
Bis zum nächsten Mal,
André
(Bilder folgen noch)