Es ist, glaube ich acht Jahre her, dass ich mir zum ersten mal ganz kurzzeitig meine Unterlippe piercte. Ich getraute mich damals nicht, das Piercing länger als ein zwei Stunden drinnen zu lassen, da ich auf keinen Fall wollte, das mich meine Eltern oder sonst irgendjemand mit dem Piercing sieht. Aber der Anblick im Spiegel brannte sich in mein Gedächtnis. Neben gedehnten Ohrläppchen ist das Labret-Piercing in meinen Augen das schönste Piercing im Gesichtsbereich. Alle anderen Piercings im Gesicht verstellen für meine Begriffe den Blick auf das Gesicht, aber ein Labret lenkt die Aufmerksamkeit auf andere Stellen des Gesichts und schenkt ihm damit andere Facetten.
At A Glance Author semiranet Contact semiranet@bme.anon IAM semiranet When A week ago Studio Trendline Location Berlin Vor zwei Jahren begann ich, mich endlich zu meiner Bodyart-Leidenschaft zu bekennen. Ich begann meine Ohrläppchen zu dehnen und traute mich kurze Hemden zu tragen die den Blick auf meine tätowierten Arme freigaben. Und die Reaktionen meiner Freunde ermutigten mich, meine Wünsche auszuleben. Und so beschloss ich ungefähr vor einem Jahr, ganz spontan, mir endlich das erträumte Labret stechen zu lassen. Aber die zu grosse Spontaneität erwies bald schon als Fehler. Der Laden in dem ich das Piercing stechen ließ, war billig, ich zahlte 30 Euro dafür, aber es mangelte etwas an der Qualität. Der Piercer stoch das Piercing etwas schräg, so, dass es nicht richtig mittig saß. Das Piercen selbst empfand ich als zimlich unangenehm, wobei das auch daran liegen mag, dass ich Angst vor Nadeln habe und beim Piercen nicht wirklich entspannt war. Außerdem benutzte er einen Titanstecker der sich schon nach wenigen Tagen selbst als Erstschmuck, als viel zu groß erwies. Der Stecker verklebte imm er wieder im Stichkanal, haftete an diesem und darum hatte ich immer ein unangenehmes ziehen in der Lippe. Nach kaum fünf Tagen ersetzte ich den Titanstecker durch einen kürzeren auf PTFE. Die Probleme waren danach sehr bald verschwunden und ich konnte erstmals mein Piercing richtig genießen.
Das seltsame bei all dem war, das ganz vielen meiner Freunde das Piercing gar nicht auffiel, andere dagegen glaubten, ich hätte das Piercing schon immer gehabt.
Das Piercing verheilte innerhalb von zwei Monaten recht gut, ich ersezte den Stecker bald durch einen nur 1mm dicken, sehr kurzen PTFE-Stecker mit einer ganz kleinen Kugel. Das Piercing wurde dadurch noch dezenter. Ich war recht froh, dass die Rückplatte des Steckers ganz tief in die Lippe einsank, denn auf die Weise reizte sie mein Zahnfleisch nicht mehr, das im Laufe der zwei Monate doch schon etwas gelitten hatte.
Bei der ganzen Sache gab es nun aber zwei Probleme. Das erste war, das das Piercing noch immer etwas schief war, das größere Problem war aber meine damalige Freundin, die das Piercing nicht mochte. Das war letztlich der Grund, warum ich das Piercing herausnahm, worüber meine Freundin am Ende doch nicht glücklich war. Sie meinte, es sei mein Körper und darum müsse ich mich für mich entscheiden, was mir an meinem Körper gefiele und was nicht. Ich gebe ihr damit ja Recht, anderseits will ich das ganze nicht so dogmatisch sehen. Ich will kein Piercing haben, das meiner Freundin nicht gefällt, von dem sie sich vorstellt, es würde mir ständig Schmerz bereiten. Insofern bin ich gegenüber meiner Freundin ganz anders als gegenüber meinen Eltern zu Kompromissen bereit.
Und dann war mein Piercing also weg, eine kleine kaum sichtbare Narbe, die sich ab und an mit Talk füllte blieb und auf der Innenseite konnte man die Stelle, an der die Rückplatte des Steckers eingesunken war noch gut sehen.
Aber in meinem Gesicht fehlte etwas, tatsächlich konnte ich mich nie mehr an mein Spiegelbild ohne Labret gewöhnen.
Inzwischen habe ich eine andere Freundin. Sie liebt meine Tätowierung und mein Brustwarzenpiercing. Ich habe sie irgendwann gefragt, ob sie etwas dagegen hätte, wenn ich mir mein Labret wieder stechen lassen würde. Sie wusste zunächst nicht recht was sie davon halten sollte, da sie es sich nicht richtig vorstellen konnte. Ich klebte mir einige Male eine Kugel auf die Lippe, damit sie sehen konnte, wie es ungefähr aussehen würde und nach einigen malen hatte sie gefallen daran gefunden. Und dann wollte ich mein Piercing ganz schnell haben. So schnell, das ich mich wieder für einen Laden entschied, dem ich sonst nicht so ganz traue. Ich habe mir in diesem Laden schon einmal meine Brustwarze stechen lassen. Dort im Laden gibt es eine unzureichende Auswahl an Schmuck, vor allem aber haben sie Nadeln in nur einer Größe. Im Falle meiner Brustwarze war das ein Problem, aber bei meinem Labret gab es andere Gründe die für den Laden sprachen. Erstens ist ein Labret nicht so schmerzhaft , zweitens ist der Laden billiger als andere in Berlin und drittens gibt es dort Stecker aus PTFE ohne Aufpreis und so einen Stecker wollte ich eben aus der vorangegangenen Erfahrung wieder haben.
Meine Freundin begleitete mich schließlich ins Piercingstudio, was ich sehr mutig fand, denn sie hat entsetzliche Angst vor Nadeln. Nach etwas seltsamer Vorbereitung, die Piercerin ließ mich mit Octinisept meinen Mund spülen, was wirklich grässlich schmeckt, markierte sie die Stelle für das Piercing. Sie entschied sich nach längerem überlegen, doch das Piercing an derselben Stelle wie zuvor nur dieses mal gerade zu stechen. Dieses Mal war das Piercen selbst fast vollkommen schmerzlos und ging rasend schnell. Meiner Freundin war es danach schlecht, aber ich hatte von allem kaum etwas bemerkt. Und dann stand ich vor dem Spiegel, glücklich mein Gesicht nun endlich wieder vollständig zu sehen.
Das alles ist nun eine Woche her, meine Freundin mag mein Piercing inzwischen wirklich gerne und wie beim letzten Mal, bemerken etliche meiner Freunde gar nicht was an mir anders ist. Eine Bekannte habe ich gefragt, ob ihr gar nichts an mir auffalle. Und als ich sie auf mein Piercing aufmerksam machte, da meinte sie, ich hätte das doch die ganze Zeit gehabt.
In den ersten Tagen war meine Lippe etwas geschwollen, aber Schmerzen hatte ich bislang nicht. Ich spüle mir den Mund dreimal täglich mit Listine und desinfiziere das Piercing von außen mit Octinisept. Abends vor dem Schlafen spüle ich das ganze noch gründlich mit warmem Salzwasser. Im Augenblick stört mich der zu lange Stab, aber ich werde noch ein paar Tage warten bis ich ihn auf die richtige Länge kürze. Piercings machen einfach süchtig und so plane ich innerlich schon das nächste Piercing. Auf jeden Fall werde ich in den nächsten Wochen meine Ohren ein bisschen Dehnen, von 10mm auf 12mm, aber das ist nun eine andere Geschichte