Schon immer fand ich Piercings durch die Nasenscheidewand auf besondere Weise anziehend und ästhetisch. Die Reaktionen meiner Umwelt auf diesen nicht gerade alltäglichen Anblick hatte ich schon oft mit einem "falschen" Piercing (ein offener Ring, den man einfach in die Haut klemmt, ohne dass ein Loch gestochen werden muss) ausgetestet. Vor acht Monaten war es dann soweit. Ich hatte nach langem Hin und Her endgültig beschlossen, dass mein allererstes Piercing durchs Septum gehen solle. Ein sauberes und vertrauenswürdiges Studio war schnell gefuden. Fehlte nur noch die obligatorische Informationssuche über das Internet. Die Erfahrungsberichte bei BME und IAM kannte ich damals noch nicht. So war ich auf die üblichen enzyklopädischen Nachschlagewerke im Internet angewiesen. Dort deutete nichts darauf hin, dass ich mich als absolute Piercing-Jungfrau auf einen sehr schmerzvollen, wenn nicht den schmervollsten Einstieg in die Welt der stechenden Körperkunst eingelassen hatte. Was man immer wieder liest, ist nur, dass ein Septum-Piercing deshalb sehr schwer zu stechen ist, weil der Stichkanal nur schwer absolut waagerecht gelingt.
At A Glance Author lochlust Contact lochlust@bme.anon When Six months ago Artist A. Studio Extreme Bodyart Location Puerto Rico In meiner Ahnungslosigkeit (ich hatte vorher lediglich einen ganz banalen Ohrring schiessen lassen) liess ich alle vorbereitenden Prozeduren gelassen an mir vollziehen. Die Nadeln wurden vor meinen Augen aus den sterilen Verpackungen geschält, alles sauber und steril geregelt, sogar die Handschuhe wechselte der Piercer nach jedem Arbeitsschritt. All dies führte zu einem steten Wachstum meines Vertrauens, so dass ich dem Einstich mit wachsender Gelassenheit entgegensah. Angst vor Nadeln hatte ich noch nie. Im Gegenteil, die meisten Ärzte überrascht es, dass ich ihnen dabei zuschauen möchte, wenn sie mir eine Spritze geben.
Die Klammer war gesetzt, ich spürte schon die kalte Nadel auf meiner Haut und harrte der Dinge die da kommen sollten, als plötzlich der Piercer aus heiterem Himmel sagte, dass gerade dieses Piercing das schmerzvollste von allen sei. Einen unpassenderen Augenblick, mir dies mitzuteilen, hätte er kaum wählen können. Mein Mut war im selben Augenblick flöten gegangen. Ich zögerte, bat wieder und wieder um Aufschub und fragte mich, worauf ich mich da nur eingelassen hatte. Hätte er einfach nichts gesagt und die Nadel ohne diesen freundlichen Hinweis durch mein Septum gestossen, wäre alles vermutlich reibungslos über die Bühne gegangen. Doch durch meine nun heftig aufbrausende Gegenwehr verrutschte die Klammer bei jedem neuen Anlauf und musste jedesmal neu angesetzt werden. Als ich schliesslich meine Einwilligung gab, und die Nadel ihr blutiges Werk vollbrachte, schrie ich in meiner Panik wie ein kleines Kind. Es sei den Lesern überlassen, sich auszumalen, wie unglaublich peinlich ich mich angestellt habe. Ich erinnere mich noch gut an das sonderbare Geräusch, als die Nadel durch den Knorpel fuhr. Ein sonderbares Knistern, ähnlich dem Zerkauen von Chips. Draussen im Wartezimmer, wo mein Gejammer natürlich deutlich zu hören war, hörte ich den Besitzer des Studios beruhigend auf die wartende Kundschaft einreden: Sie bräuchten sich keine Sorgen zu machen, ich übertriebe masslos, und Piercings an anderen Stellen des Körpers seien vergleichsweise schmerzfrei. Den Leuten auch noch die Kunden zu vergraulen war nicht meine Absicht. Immerhin kam der oft beschriebene Adrenalinschub unmittelbar unmittelbar nach vollendeter Tat, so dass ich mit triumphierendem Lächeln das Separee verliess.
Ich hielt mich danach streng an die Empfehlungen für die Behandlung von Piercings, schluckte Pillen mit Zink (50 mg) und Vitamin C (300 mg), desinfizierte die frische Wunde täglich und ausserdem auch jedesmal, wenn sie mir ungewollt mit Keimen in Berührung gekommen zu sein schien. Verwendet habe ich die Salzwasser-Lösung von H2Ocean, ausserdem ein Mittel mit Benzalkonium-Chlorid (antiseptisch) und Lidokain-Hydrochlorid (gegen die Schmerzen), später dann ein anderes mit Triclosan (gegen Mikroben). Drei Monate ging alles gut. Doch nach den drei guten Monaten folgten mit fast biblischer Unausweichlichkeit drei schlechte Monate. Die Perforation entzündete sich und sonderte erstaunliche Mengen von Eiter ab. Ich spielte kurz mit dem Gedanken, bei einigen Regisseuren von Horrorfilmen vorzusprechen, hielt es dann aber doch für ratsamer, stattdessen einen Arzt aufzusuchen. Die Behandlung mit Antibiotika reduzierte die Symptome auf ein erträgliches Mass, musste aber die ganzen drei Monate ununterbrochen fortgesetzt werden.
Was die Ursache für diese Infektion war, ist mir bis heute ein Rätsel. Ich vermute, dass ich mir einen kleinen Schnupfen eingefangen habe, der dann durch die offene Stelle eindringen und sich dort ungehindert ausbreiten konnte.
Am Ende war der Ring beträchtlich gewandert und sitzt nun schief in meiner Nase. Man sieht es unter normalen Bedingungen nicht (sondern nur wenn man direkt von unten hochschaut), so dass ich den Ring nicht entfernen und dieselbe Prozedur noch ein zweites Mal über mich ergehen lassen musste. In den nächsten Jahren plane ich, das Loch dehnen, in der Hofnung, dass sich dadurch die Schieflage des Stichkanals wieder etwas abmildern lässt.
Und die Moral von der Geschicht: Bei einem Septum-Piercing -- mehr noch als bei jedem anderen Piercing -- vergiss die Achtsamkeit auf peinlichste Sauberkeit nicht!
Tip: Die Schmerzempfindung beim Stechen lässt sich generell sehr gut im Voraus abschätzen, indem man eine Wäscheklammer an die Stelle klemmt, wo man sich piercen lassen möchte.